Michael Trammer

Photojournalist
    
Extinction Rebellion in Berlin
Location: Hannover
Nationality: German
Biography: Freelance photo- and videojournalist based in Hannover and Munich. Work mainly focused on social movements, breaking news, politics, far-right extremism and humanitarian crisis. Searching for calmness among chaos.  I like photo-essays &... read on
News
Extinction Rebellion in Berlin
michael trammer
Oct 8, 2019
Location: Berlin

Am frühen Morgen klingelt das Telefon. Es geht los. Um 4:12 Uhr beginnt die erste, von vielen anstehenden Aktionen der Gruppe Extinction Rebellion. Seit über einem halben Jahr wurde mobilisiert. Im Zuge anhaltender Klimaproteste ruft die Gruppe ab dem 7. Oktober in Berlin zu einer so genannten „Rebellion Week“ auf. Vor dem Kanzleramt steht ein Camp. Eine Woche lang soll öffentlichkeitswirksam der reibungslose Ablauf der Bundeshauptstadt gestört werden. So sind in den frühen Morgenstunden rund um die Siegessäule hunderte Menschen auf den Straßen anzutreffen. Zu dieser Zeit eher ein Ort für "Cruiser", von denen zwei verschreckt einem Fotojournalistenkollegen aus der Toilette entgegenkommen. Bereits früh taucht auch die Polizei auf. Ein Polizist erklärt wohlwollend einem Lokaljournalisten, der auch zu einer der Blockaden gekommen ist, man wolle natürlich die Gruppe nicht „wegknüppeln“. Die Aussage scheint erstaunlich. Vor zwei Wochen wurde beispielsweise in Hamburg mit Härte gegen Blockaden, die in den Straßenverkehr eingriffen, vorgegangen. Die Aktionsform war, bis auf die Ankündigungen und Statements davor und das Verhalten zur Räumung, doch die Gleiche und der Effekt sowieso - der Autoverkehr wurde aufgehalten. In Berlin rufen, die sich selbst als Rebell*innen bezeichnenden, immer wieder den Namen ihrer Gruppe: „Extinction“ die Einen, „Rebellion“ antworten Andere. Es werden Lieder gesungen, „People have the power“, Thema ist Selbstermächtigung. Einige Schlafen in Rettungsdecken und Schlafsäcken am Boden. Es ist kalt, die Sonne ist noch nicht aufgegangen. Teils scheinen die Personen, die sich an der Aktion beteiligen schlecht vorbereitet zu sein. So bittet die Gruppe im Netz, bereits bei der ersten Blockade - einem Auftakt zu einer Woche Aktionen, die am Mittwoch wohl ihren Höhepunkt finden könnten - um materielle Unterstützung. 

Laut Veranstalter*innenangaben beteiligen sich etwa tausend Menschen an der Aktion; auf der Strasse des 17. Juni und um die Siegessäule. Immer wieder werden Bezugsgruppennamen gerufen - weit verbreitet bei sozialen Protesten um verlorene Freund*innen wiederzufinden. Und so ruft eine Gruppe mehrfach „Heimatschutz!“, „Heimatschutz!“. Keine*r, ja gar kein*r scheint sich an dem Begriff zu stören. Dabei müssten doch sofort die Alarmglocken aller, die sich mit jüngerer politischer Geschichte auseinandergesetzt haben, angehen. So hatte sich beispielsweise jahrelang der Dachverband der thüringischen Kameradschaften als „Thüringer Heimatschutz“ bezeichnet. Der "THS" is die neonazistische Gruppe, zu der auch die Kameradschaft Jena, die Heimat des NSU-Kerntrios, gehörte. Unter dem Motto „Umweltschutz ist Heimatschutz“ mobilisieren Neonazis bereits seit Jahrzehnten ihre Anhänger*innen und versuchen Debatten um Klimapolitik zu besetzen und zu instrumentalisieren. Auf Twitter reagieren scheinbare Sympathisant*innen der Gruppe ohne Verständnis auf den Hinweis auf dieses Verhalten und werden gar wütend. Teils wird sich ein humoristischer Umgang mit dem Thema gewünscht. Und das passt zu Aussagen der Gruppe - man wolle offen in alle Richtungen sein. Die Gefahr einer extrem Rechten Vereinnahmung sehe man nicht. Andere politische Gruppen veröffentlichten noch vor den Aktionen eine Reihe an Kritikpunkten. Jutta Ditfurth warnte Online davor, sich Aktionen der Gruppierung anzuschliessen. 

In einem frühmorgendlichen Moment kollektiver Ermächtigung wird wenig auf die mögliche ideologische Motivation geachtet. Eine große Gruppe schiebt die Holzteile der „Arche Rebella“ an ihren Bestimmungsort. Das Modell-holzschiff wird zusammengezimmert. Nach mehreren Stunden Diskussionen mit der Polizei, hatte man sich auf einen Aufbau auf dem Platz vor der Siegessäule, nicht aber auf der Strasse, geeinigt. Zeitgleich versucht eine Gruppe Radfahrer*innen an der Frankfurter Allee in Richtung der Protestaktion zu starten. Sie werden aufgehalten und kommen irgendwann gegen 10 Uhr an. Den ersten inhaltlichen Input liefert dann am Mittag Carola Rackete. Die Kapitänin der Sea Watch 3, die das Leben Vieler auf dem Mittelmeer gerettet hat und Symbol für die unerträgliche Debatte um zivile Seenotrettung ist, spricht zu mehreren hundert Personen. Rackete zeichnet in ihrer nachdrücklichen, ruhig aber kraftvoll gehaltenen Rede, ein dystopisches Bild vom Untergang der Erde, der kommenden Sintflut. Mit einem Verweis auf das alte Testament und historische Überlieferung spricht sie vom Untergang ganzer Gesellschaften, durch eine Veränderung derer Umwelt; ausserdem von ihren Reisen zu den schmelzenden Polen und aussterbenden Arten. Die einzige klar formulierte Forderung: Die Ausrufung des Klimanotstand. Am Ende fordert sie, die Menschen müssten friedlichen zivilen Ungehorsam bis die Regierung dann auch handle leisten und zitiert den Mitbegründer der Gruppe Roger Hallam mit „Lasst diesen Moment nicht verstreichen“. Weitere konkrete Forderungen gibt es abgesehen von „Sagt die Wahrheit!“ nicht. 

In der Zeit danach folgen zahlreiche kleine Aktionen und teils absurd anmutende Performances. Ein auf der Plattform an der Siegessäule gehaltenes Banner wird etwa nach kürzester Zeit wieder eingepackt. Die Polizei hatte nach wenigen Minuten eingegriffen. Bei einer Performance spielen Zwei Clowns, die einen Bus durch eine Gruppe Tiere „fahren“. Zehn als Schmetterlinge verkleideten beginnen zu husten. Die Clowns beginnen hysterisch zu Weinen und es folgt der Auftritt des Sensenmanns. Unter dem Schreien der Insekten und Clowns tötet der Eine*n nach dem*der Anderen. Es bleibt das (leicht) verkürzte Bild der durch das Abgas hingerichteten und eine Umarmung für umstehende Agenturfotografen. 

Über Stunden halten die Aktivist*innen der Gruppe tapfer ihre Blockaden, überall sind Hängematten zu sehen. Immer wieder gibt es kleine Grüppchen die prozessionsartig, mit akustischer Gitarre begleitete Lieder singend, über den Platz "Großer Stern" ziehen. Auch Tourist*innen mischen sich immer wieder unter die Gruppe. Als dann die so genannten „Roten Brigarden“ die Straße des 17. Juni hinauflaufen um ihre Performance für Fotograf*innen erneut aufzuführen, passieren diese das sowjetische Ehrenmal und wirken gänzlich deplatziert. Zwischen Tourist*innen und genervten Berliner*innen geht die Gruppe schweigend die Straße entlang. Es spielt Musik. 

Zeitgleich läuft eine zweite Besetzung der selbst ernannten Rebell*innen am Potsdamer Platz. Holzwaaben, Sofas, Badewannen mit Pflanzen, ein Zirkuszelt, ein LKW-Anhänger als Bühne und hunderte Menschen legen den Verkehrsknotenpunkt für Autos lahm. PKW’s die an der nächsten Kreuzung abbiegen, fahren mit quietschenden Reifen an. Einmal kommt es beinahe zum Zusammenstoß mit einer Radfahrerin. Mit der Blockade des Großen Stern und Potsdamer Platz gelingt Extinction Rebellion ein empfindlicher Eingriff in den Fluss des Verkehr. Gegenüber großen Tageszeitungen spricht die Polizei aber von kaum Staus.

Am späten Nachmittag, als die herbstliche Sonne unterzugehen beginnt, zeigt sich zum ersten Mal in der Praxis, wie Extinction Rebellion in Zukunft mit Anweisungen durch die Polizei bei Massenaktionen umgehen wird. Die Veranstalter*innen lösen die Kundgebung auf, doch die Menschen bleiben. In dem wie ein Straßenfest anmutenden Pulk, haben sich einige festgeklebt und angesperrt. Die Blockade soll bleiben. Die Berliner Polizei schafft Sofas und andere Blockadegegenstände weg, versucht erst mit einer Kette die Gruppe auf den Bürgersteig zu verweisen, doch die Tanzenden laufen immer wieder einfach hinter die Beamten. Um kurz vor 6 wird dann die erste Person weggetragen. Medienvertreter*innen stehen sich dafür die Füße in den Bauch. Die Inszenierung durch Extinction Rebellion ist also gelungen. Über den Laustprecher eines Polizeifahrzeuges war in den Durchsagen von einer Ordnungswidrigkeit beim Verbleib auf der Strasse die Rede. In einem Telegram Stream der Gruppe, mit dem Aktivist*innen mobilisiert werden sollen, schreibt Extinction Rebellion davon, dass nichts passieren könne, außer dass Beteiligte weggetragen werden. Eine bewusste Fehlinformation? Die Personalausweise der Beteiligten und deren Gesichter werden in einer Art Eilidentitätsfestellung durch mehrere Beamte dokumentiert. Welche Vorwürfe Sitzengebliebenen, Angesperrten und Angeklebten drohen, bleibt offen. Als ein an eine Badewanne angeklebter Aktivist nach einem Legal Team ruft, kommt keine*r. Er gibt dem Polizisten schliesslich seinen Personalausweis. 

Auch am Folgetag und den Rest der Woche sollen die Aktionen weitergehen. Die Letzten aus der Blockade am Potsdamer Platz werden am Dienstagvormittag aus LockOns gelöst. Zeitgleich beginnen schon neue Aktionen, denn die „Rebellion Week“ hat ja erst begonnen und wird sicher noch so manche überraschende Aktion hervorbringen. 

Von anderen Aktivist*innen, die zum Teil schon seit Jahrzehnten Politik rund um das Thema machen hagelt es im Netz Kritik. So wird unter anderem eine fehlende Abgrenzung von der extremen Rechten, eine im Kern autoritäre Struktur und die schlicht fehlende theoretische Analyse bestehender Zustände bemängelt (https://rambazamba.blackblogs.org/2019/10/06/extinction-rebellion-mehr-show-als-rebellion/). Auch das gänzliche Fehlen der theoretischen Verbindung zwischen Kapitalismus und Umweltkrise - ein wahrlich nicht revolutionäre Erkenntnis - bleibt aus. Stattdessen üben sich einzelne Ortsgruppen in der Distanzierung von den Aktionen anderer, die ihnen zu radikal scheinen. So kam es in Hamburg kürzlich dazu, dass eine Strassenblockade, die andere auf Twitter als gewalttätig bezeichnete. Später entschuldigte sich die Gruppe. Für die kommenden Monate und Extinction Rebellion wird es entscheidend ob sich progressive Ansätze und Theorien durchsetzen, oder ob der leicht esoterische Charakter und die fehlende Abgrenzung zur extremen Rechten, solange man denn nur gegen die Klimakrise sei, weiter die Oberhand behalten. Die zahlreichen jungen und auch älteren Menschen die sich an den Aktionen beteiligen wirken entschlossen und durch das fehlende Handeln der Politik verzweifelt, viele scheinen sich zum ersten Mal an einer sozialen Bewegung zu beteiligen. 

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